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OSTSEEATEM: Das Buch

Ostseeatem, Alexander Peer und Erwin J. Uhrmann

250 Seiten, gebunden, Vor- und Nachsatz, Lesebändchen,
Prägedruck, Verlag Wieser (www.wieser-verlag.com)
Neue erweiterte und überarbeitete Auflage, Ende 2008
Erstpublikation, 2004, Edition Innsalz

Aus dem Buch

Über die Neigung sich in der Ferne zu verlieben

Journal einer Reise ins Baltikum von Alexander Peer

6. Oktober - Nachmittag

Eine ganze Nacht lang habe ich eine Reise durch die Nacht gemacht, in einem bequemen und wohltemperierten Abteil des Zuges von Warschau nach Vilnius. Ich habe auf die dunkle Fensterscheibe geblickt und die Landschaft hinter ihr entworfen. Ich war die Sonne und der Schatten, der Wald und die freie Sicht, das LKW-Brummen auf der Straße, die Ruhe im Niemandsland und das Niemandsland selbst, ein Junge, der zu spät in die Schule kam, ein Haus, das von einer Stadt überwuchert wurde, dann war ich der Horizont am Ende einer endlosen Wiese und schließlich ein Schuldschein, den niemand einzulösen vermochte. Ich war das Versprechen, dass das Leben schön sei, aber keiner nahm sich dafür Zeit; jeder ging achtlos an mir vorüber.

Die Datschas,

Erwin J. Uhrmann

es war 1978, in dem Jahr, als ich geboren wurde,
es war in Rom, auf der Insel Korsika,
in Brasilien war es
in Ungarn
in der Bucht von Danzig, wo ich herkomme
und wo ich hingehe

am Strand der Ostsee
wo der Sand so fein ist, dass er überall durchdringt und
nirgends kleben bleibt
sogar durch die Haut
und wo ich traurig bis ins Tiefste war
weil ich auf einem Hof lebte
mit Pferden und Kutschen
und Nachbarn in Wohlwollen

bevor der Krieg ihrer Kindheit ausbrach
im Körper meiner Großmama, die damals noch Kind war
und in der Nacht durstig in ihrem Zimmer lag
bevor sie mit ihrem Bruder im Arm floh

Über die Neigung sich in der Ferne zu verlieben

Journal einer Reise ins Baltikum von Alexander Peer

... Ich trinke ein etwas säuerliches Bier, draußen prasselt der Regen auf das Kopfsteinpflaster, eine undurchdringliche Nebeldecke ist schon den ganzen Tag über der 550.000 Einwohner zählenden Stadt gelegen. Trotz dieser widrigen Witterung sitze ich hier äußerst gut gelaunt. Allein dadurch, anderswo zu sein, fühle ich mich entgrenzt; mit bloß einem fremden Wort, einer Umgebung, die kein abgenütztes Motiv aufweist, und mir unvertrauten Gesten wird die Gewohnheit außer Kraft gesetzt. Von nun an schlüpfe ich jeden Tag in neues Gewand.
... Ekaterinas Vater war ein in Westeuropa arbeitender Litauer und ihre Mutter war Engländerin. Warum ihre Mutter denn in die Sowjetunion gekommen sei und nicht etwa er in den Westen gegangen war, wollten wir wissen?
Da fiel Ekaterina erstmals auf, dass sie das die beiden nie gefragt, ja nicht einmal daran gedacht hatte. Das verstörte uns, die wir so viele Fragen an unsere Eltern richteten, auch wenn diese sie nie zu hören bekommen hatten.
Warum ging damals jemand in den Osten, fragte ich meinen Begleiter?
Freiwillig, meine ich. Wer tut schon was freiwillig, antwortete mein Reisekamerad.
Er hat natürlich Recht.

Die Datschas

von Erwin J. Uhrmann

(...)

dann kann ich beruhigt im letzten Sommer
in der Alten Donau mit Euch baden
eine Reise nach Belgrad planen
San Francisco als Ableger einer Rückkehr bewahren

die Datschas meines Lebens immer wieder aufsuchen
und die Menschen
in den Datschas will
ich immer wieder finden
ich hoffe, ihr werdet
da sein

Rezensionen

Neue Zürcher Zeitung

„Echte Kulturmenschen erkennt man in Zukunft daran, ob Sie dieses kleine Büchlein eingesteckt haben.”

Petra Öllinger für Evolver

„Lokalkolorit aus dem Baltikum, aber auch geschichtliche Spuren und soziale wie wirtschaftliche Schwierigkeiten der Gegenwart bilden einen inhaltlichen Bezugspunkt, die vorkommenden Personen und die Handlung, in die sie verstrickt sind, hat jedoch eine Gültigkeit jenseits von Verortung und Zeit. Die sinnliche Kraft der Erzählungen wird zum einen durch den Gegensatz von äußeren Kälte und dem Bedürfnis nach Nähe und Harmonie geschaffen, zum anderen durch eine nah an den Befindlichkeiten der Protagonisten orientierte Prosa geprägt.”

... mehr:  www.peerfact.at  und  www.wieser-verlag.com

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